monumente der jämmerlichkeit
zum heulen komisch: nicolas mahlers comics aus dem unerfüllten leben

wie lange kann ein erwachsener mann bei seiner mutter leben? - solange heizdecke und fernseher funk-
tionieren, für potentiell unbegrenzte zeit. "flaschko, der mann in der heizdecke" ist die schamloseste kre-
atur im stur expandierenden universum des wiener comiczeichners nicolas mahler. das weltgeschehen
nimmt er anhand der fernsehzeitschrift wahr, seine beteiligung daran erschöpft sich in der betätigung der
fernbedienung. einziger gesprächspartner ist die mutter, schwankend zwischen gluckenhafter fürsorge und
dem bestreben, ihre mißratene leibesfrucht endlich aus der heizdecke hinaus ins leben zu locken. flaschko
jedoch ist so abenteuerlustig und entscheidungsfreudig wie die fußlahmen helden eines samuel beckett, und
wie diese sondert er gern philosophische einfältigkeiten ab: "ich mag das, wenn die luft schon ein bißchen
abgestanden ist. man hat ja schon einiges miteinander erlebt."
als comiczeichner wird man in österreich nicht eben mit heizdecken beworfen; vielmehr schlägt den wenigen
zeichnern in den comicläden des eigenen landes eisige verachtung entgegen, ob der ökonomischen bedeu-
tungslosigkeit ihrer publikationen. tatsächlich ist nicolas mahler derzeit der einzige österreichische comic-
künstler, der internationale beachtung findet. in frankreich erscheinen seine werke mittlerweile bei "l'associa-
tion", einem der renommiertesten independent-verlage und heimat der wichtigsten erneuerer der erzählkunst
des comic in den letzten jahren.
ein weiterer höhepunkt in mahlers werk ist "lone racer", die geschichte eines ex-champions der formel 1, dem
ein letzter sieg vergönnt ist, als bei einem rennen sämtliche konkurrenten ausfallen, gejagt in diesem fall also
nur von der angst, den wagen nicht bis ins ziel zu bringen. sonst verbringt er seine zeit in der "bar juanjo" mit
seinem kumpel gummi, dem von seinem rennfahrerleben eiin reifenabdruck im gesicht geblieben ist und dem
ex-mechaniker peinlich, nunmehr ein polizist, der sich auch für einen banküberfall nicht zu schade ist, nur leii-
der fehlen mut und glück.
wie überhaupt das glück ein seltener fremdling ist in mahlerland, wo die gefühlswelt zwischen melancholie, de-
pression und verbitterung pendelt. lone racer stehen inzwischen weitere helden wie "lame ryder", ein ziemlich
langsamer revolverheld und der abgehalfterte boxer "TNT" zur seite. der sehr empfehlenswerte band "leicht be-
schädigte tiere" versammelt mahlers verstreut erschienene cartoons. in seinen neuesten geschichten treibt
mahler seinen unerreichten minimalismus zu immer neuen höhen. die "berliner seiten" der FAZ publizierten
"kratochvils welt", den weitgehend ereignislosen spaziergang des angestellten kratochvil in fünfzig folgen, der
auf dem weg zur arbeit unversehens in eine surreale traumlandschaft gerät, deren karge ausstattung aber kaum
abenteuer für ihn bereithält. mit seinem in kanada publizierten, wortlosen album "désir" hat mahler das ewige the-
ma unerfüllten begehrens aus der dichtersphäre in die diesmal ganz unsurreale welt der kleinen angestellten ver-
legt. in diesem werk erweist sich mahler erneut als meister der wiederholung, der dehnung des immergleichen.
leider sind es ja auch im leben außerhalb der comics gerade die unerfreulichen oder einfach ereignislosen,öden
momente, diie sich miti vorliebe in die zumindest subjektive endlosigkeit dehnen.
nicht viel weniger frustrierend gerät "emanuelle's last flight", ein bislang nur in frankreich erschienenes miniheft.
mahlers französische zeichnerkollegen empfanden als besonders deprimierend, geradezu gemein, daß in mah-
lers fassung dieses ohnehin unerträglich geschwätzigen intellektuellen-porno nun überhaupt kein sex mehr
stattfindet.

kai pfeiffer