arbeit macht das leben stumm
- muster des pflichtbewußten werktätigen -
"kratochvils welt", das ist der titel der serie, die in den folgenden 50
ausgaben der "berliner seiten"
zum abdruck kommen wird. gezeichnet hat sie nicolas mahler. wie, werden kenntnisreiche
leser
fragen, schon wieder ein ausländischer künstler? nun ja, ein österreicher eben, aber
einer, dem das
eigene land und die presseorgane als forum längst zu klein geworden sind, auch wenn die
tageszei-
tung "der standard" und der orf zu seinen regelmäßigen arbeitgebern zählen.
auch hat er gerade erst
zusammen mit seinen wiener kollegen ivan klein, tex rubinowitz und michael unterleitner
alias much
eine quadratisch-praktisch-gute kleine buchreihe namens "geschenkt" ins leben
gerufen, deren erste
drei bändchen schon vorliegen bissige, teilweise geradezu makabre
einzelwitzzeichnungen zu den
themem sex, altern und computer. in österreich darf das quartett sich als
cartoonisten-gipfeltreffen
betrachten, in deutschland sind alle vier - vielleicht mit ausnahme von tex rubinowitz -
immer noch
viel zu selten publiziert.
zumindest mahler aber treibt es mächtig über die grenzen. seine kurzen geschichten,
meist im klas-
sischen comicstrip-format gezeichnet, sind mittlerweile auch in kanada, frankreich, der
schweiz, deutsch-
land und den vereinigten staaten erschienen, und als einziger österreicher beteiligte er
sich an dem inter-
nationalen projekt "comiix 2000" der pariser zeichnervereinigung
"association", für deren vierteljahresma-
gazin "lapin", derzeit wohl die beste anthologie auf dem europäischen
comicmarkt, er regelmäßig gag-
strips zeichnet.
darin kann man den zweiunddreißigjährigen mahler im selbstportait sehen: lang,
aufgeschossen, immer
in schwarz gekleidet, dunkle hornbrillen, haartolle und keines vernünftigen wortes
französisch mächtiig,
was ihn unter den eloquenten mitgliedern der "association" zum exoten macht.
kratochvil, der held unse-
rer serie, ist übrigens das genaue gegenteil (bis auf die französischkenntnisse -
mutmaßlich). er ist klein
und dick, trägt ein blütenweißes hemd und möchte so angepaßt sein, wie nur irgend
möglich. doch auf
dem weg zur arbeit verschlägt es kratochvil plötzlich in eine fremde, geheimnisvolle
welt, in der es nicht
viel mehr gibt als bäume, wolken, würmer, einen nasa-koffer und einen geheimnisvollen
holzfäller. nicht
eben ein terrain, auf dem man sich zu hause fühlen könnte.
doch kratochvil - treue mahler-leser kennen ihn bereits als sporadisch wiederkehrende
figur in den witz-
zeichnungen seines schöpfers - ist nicht der mann, der sich ein x für ein u vormachen
ließe. kühl läßt er
die entwicklung auf sich zukommen; er ist die stoischste comicfigur, die bislang in den
"berliner seiten"
aufgetreten ist. daß ihm dabei seine gestaltung zupaß kommt (kratochvil ist kaum mehr
als bauch und
nase), steht außer frage. wer weder augen noch mund zum aufreißen hat, von dem wird man
keine ge-
fühlsausbrüche erwarten dürfen.
"kratochvils welt" ist die bislang längste geschichte aus der feder von nicolas
mahler, doch keiner möge an-
nehmen, daß er darin konfus herginge! die ökonomie des erzählens hat der zeichner an
seinen kleinen for-
maten erprobt und perfektioniert. es sind die lapidare formulierung, der denkbar
reduzierte strich, die mono-
tonie der ausgangslage, die unseren neuen comic zum ereignis machen. denn mahler gelingt
es, den leser
für seinen mann ohne eigenschaften zu begeistern, für dessen reflexionen, träume und
verzweifelte suche
nach dem alltag in der fabrik. am ende, wenn kratochvil wieder glücklich im büro sitzt,
nimmt er sich fest vor,
nichts von dem zu erzählen, was er erlebt hat, denn er ist schließlich zum arbeiten
hier. also aufgepaßt, le-
ser! wer jetzt etwas verpaßt, der wird es von kratochvil ganz sicher nicht im nachhinein
erfahren.
andreas platthaus