Mahler hinter Glas
Sich die über 20 Druckerzeugnisse, die Nicolas Mahler in den letzen 6
Jahren produziert hat,
auf den Nachttisch zu legen, ist schier unmöglich, auf alle Werke einzugehen,
die im Karikatur
und Cartoon Museum Basel ausgestellt waren, ebenfalls und so beschränke ich mich
auf deren
vier. -
Von Miriam
Erni.
"Flaschko - der Mann in der Heizdecke"
Und beginne mit "Flaschko - der Mann in der Heizdecke", dem wohl bekanntesten
Anti-Helden aus Mahlers
Feder. In seine Heizdecke gewickelt vegetiert Flaschko vor dem Fernseher und
seine einzige Aufgabe
besteht
darin,
diesen seinen
Lebensstandard aufrecht erhalten zu können. Dem im Wege steht seine Mutter, die
ihren
erwachsenen Sohn ermutigen möchte, sich etwas von der Welt anzusehen. So schenkt
sie ihm
beispielsweise
ein neues Verlängerungskabel, doch es ist zwecklos. Flaschko bleibt, wo er
sitzt. Aus
dieser - könnte man meinen -
simplen Grundsituation strickt Mahler rührende, dramatische und komische
Erzählungen, die einen gut und gerne
vom fernsehen abhalten können. Aber nicht müssen: Flaschko-Animantionsfilme
wurden im Vorprogramm einiger
Kinos gezeigt. Die Besucher des K&C Museums konnten sich in einer etwas
ungemütlichen Fernsehecke die
6
Episoden anschauen.
Ohne Heizdecke.
Flaschko - Der Mann in der Heizdecke, Edition Moderne, CHF 25.00
"Herr Zorro"
Nicolas Mahlers Figuren zeichnen sich durch eine phantastische Einfachheit
aus. So haben einige weder Arme
noch Beine, meist keine Augen oder Münder (dafür Nasen!) und Mahler kann ihnen
gar den Text streichen und
uns gefällts! 2004 sind gleich drei wortlose Comics von Nicoals Mahler auf den
Markt gekommen ("Série Z",
l'association / "Van Helsing's night off", topshelf productions / "bad job",
editions de la pastèque). Mein Herz
schlägt ja für "Herr Zorro". Nicht viel mehr als ein umgekehrtes "L", zieht es
Herr Zorro von seiner Couch, um
Vergewaltigern und Mördern seinen Degen in den Leib zu stossen. Die erretteten
Damen dürfen in Herr Zorros
Bett schlafen, doch die Idylle trügt; Herr Zorro erntet am Ende nur Undank (in
wie fern soll an dieser Stelle nicht
verraten werden)!
"Kratochvil"
Ein Stockwerk höher traf ich "Kratochvil", den Fabrikangestellten, der in
eine unwirkliche Zwischenwelt geraten ist,
wo ein Baum aussieht wie der andere (nicht wirklich wie ein Baum, aber bestimmt
aus Holz) und sich sogleich
die Frage stellt: Werde ich hier Arbeit finden? Es bleibt nicht bei der
praktischen Betrachtungen seiner Situation;
Kratochvils Entdeckungen und Erlebnisse treiben ihn zu philosophischen
Gedankengängen, die in einer feinen
Pointe ihre Auflösung finden. Ursprünglich zeichnete Nicolas Mahler "Kratochvils
Welt" für die Frankfurter
Allgemeine Zeitung. Daher auch die Gliederung in jeweils fünf Bildern, wobei das
Schwergewicht viel mehr
auf
Kratochvils
Einsamkeit und Unsicherheit
liegt, als auf dem befreienden Schlusswitz, der den Leser davor
bewahrt, sich selber in dem ungemütliche Territorium zu verlaufen.
Kratochvil, edition selene, Euro 10.90
"kunsttheorie versus frau goldgruber"
Unter dem Dach des K&C Museums erfuhr ich schliesslich mehr über Nicolas
Mahler: wo er früher gejobt hat,
dass er "Nicki" gerufen wurde, worüber er sich mit seiner Steuerberaterin
unterhielt, plus diverse Eindrücke
diverser Festivals und diverse Porträts diverser Zeichner-Kollegen etc etc. "kunsttheorie
versus frau goldgruber"
ist ein autobiografischer Comic, bei dem es sich gottlob nicht um die
schwermütigen Erinnerungen eines
heranwachsenden Künstlers handelt, nein, das Buch ist, wie alle Machwerke aus
Mahlers Hand, amüsant und
skurril, mit dem kleinen Unterschied, dass die absurden Situationen, in welche
es die Figuren verschlägt,
wirklich erlebt wurden.
kunsttheorie versus frau goldgruber, edition selene, Euro 14.90
Ein Besuch des Karikatur & Cartoon Museum Basel lohnt sich auf alle Fälle. Seit
1996 beherbergt eine
ursprünglich gotische Liegenschaft in der St. Alban Vorstadt die umfangreiche
Sammlung des Museums,
welche in Wechselausstellungen präsentiert wird. Das aktuelle Programm,
Anfahrtsweg, Eintrittspreise
und vieles mehr unter
www.cartoonmuseum.ch.