Zeitzeichner
ATAK präsentiert heute:
Nicolas Mahler, geboren 1969
Der Zeichner, Sammler und Comicexperte Atak stellt in dieser Serie
Künstler vor, die die einheimische wie internationale Comic- und
Illustratorenszene beeinflußt haben.

Das Besondere an der Rockband »Ramones« war 1976, daß sie innerhalb von zwei Minuten das Problem
auf den Punkt
brachte. Nach dem 1-2-3-Anzählen waren ihre besten Songs bei 4 schon wieder zu Ende. Im
Song »Now I wanna be your Boyfriend« war Aussage, Text und Refrain eins, und es war alles gesagt, was
es
zu sagen gibt. Schnell, kurz und gut. Genial. Ähnliches fand ich vor einem Jahr in einer Wild-West-
Geschichte wieder. Unter dem Titel »Lame Ryder« wurde auf 22 winzigen A6-Seiten das
Genre Western
komplett abgehandelt. Es war alles drin: der einsame Held, unglücklich verliebt in eine Animierdame,
sein Freund, der Barkeeper Sam, der feige
 Sheriff und der Bösewicht, hier mit dem Namen des ersten
»Tunten-Sängers Amerikas«,
Tiny Tim.
 
Gesalzen mit einem Kübel Humor stammt dieses Werk nicht von einem Amerikaner, geschweige
einem Cowboy, sondern vom Wiener Zeichner Nicolas Mahler. Nicht nur seine Geschichten sind auf
das
Wesentlichste reduziert, auch sein Zeichenstil läßt die erzählten Welten aus wenigen Strichen
entstehen. In Kritikerkreisen redet man heute sogar schon vom »Mahlerischen Minimalismus«. Auch
vom »Minimahlismus«. Böse Zungen halten die »Wiener Sparsamkeit« dagegen. Daß die Western-
Parodie »Lame Ryder« nur im Saloon spielt und damit sehr gut auskommt, ist bestimmt kein Zufall.
Fraglich ist, warum die Figuren und Anti-Helden vom Brillenträger Mahler ohne Augen auskommen
müssen. Trotzdem leben sie auf dem Papier.
Allein aus ihren Körperformen. Sie sind entweder lang und
schmal oder klein und rund. Aus diesem Gegensatz entsteht eine visuelle Spannung und Dynamik, die
uns durch seine Geschichten fegt.

Ab und zu wird das Tempo unterbrochen, um einige, wie zufällig hingeworfene, lebensphilosophisch
angehauchte Kneipenweisheiten einzustreuen. Ein paar Beispiele: »Die Mädchen stehen auf Typen, die
schon was gesehen haben von der Welt. Büffelherden und so« (Lame Ryder); »Frauen können Alkohol
nie ganz ersetzen« (Lone Racer) und »Ich hab in letzter Zeit viel über den Ursprung allen Lebens nach
-
gedacht…, die tristen Problemchen des Alltags wirken dann so nebensächlich«.

Letztgenanntes Zitat findet man in Mahlers Hauptwerk »Flaschko, der Mann in der Heizdecke«. In diesem,
auch als Zeichentrick verfilmten Buch verspricht der Rückseitentext »Ein Mann, seine Decke und dessen
Mutter. 132 Sitzmelodramen!«, wobei man
auch 132 Witzmelodramen sagen könnte. Jeder weiß, daß
Komik und Tragik dicht beieinander liegen. So leidet man bei »Lame Ryder« mit, wenn der verliebte Held
von seiner Angebeteten, der Hure Lulu, verlacht wird und er aus Ehrgefühl in dieser sinnlosen Situation
sein Leben riskiert. Mehr als seine Zeichnungen liebe ich den Humor von Mahler. Obwohl Humor viel mit
Lokalem und Nationalem zu tun hat, funktioniert der Mahler-Witz über Ländergrenzen hinweg. Tatsächlich
ist Nicolas Mahler derzeit der einzige österreichische Comic-Künstler, der internationale Beachtung findet.
So erscheinen seine Bücher in Frankreich beim renommierten Verlag »L’Association«, in Kanada und
Amerika. Seine für die FAZ entstandene Serie »Kratochvil« wurde von der Schweizer Truppe VAGABU fürs
Theater adaptiert. Neben seinen Genrebearbeitungen, wie die Formel-1-Geschichte »Lone Racer«, die
Soft-Porno-Parodie »Emanuelle’s last flight« und das Boxer-Drama »TNT«, kann ich wärmstens sein
letztes Meisterwerk »Kunsttheorie versus Frau Goldgruber« empfehlen. In dieser größtenteils
autobiographischen Geschichte erfährt man endlich aus dem Mund der Finanzbeamtin Goldgruber,
was Comic und was Kunst ist. Nach langem Hin und Her kommt sie beim Betrachten von Mahlers
Arbeiten endlich zum Fazit: »Na, das wird schon irgendwie ›Kunst‹ sein.«

Atak, DAS MAGAZIN 11/2005