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Keine
Schonung
Tränen
gelacht vor Vergnügen und Bewunderung: soweit die
Mikroversion der Kurzkritik. Nicolas Mahler ist einer der wenigen, dafür
umso
begnadeteren wirklichen Comics-Könner in Österreich, und er hat einen Rückblick
auf sein bisheriges, zeichenzentriertes Leben veröffentlicht,
Kunsttheorie
versus Frau Goldgruber (14,90/160
Seiten, edition selene, Wien),
natürlich in Comics-Kapiteln, mit dem virtuellen Untertitel kunstfeindliche bildgeschichten, reaktionäre witze, persönliche
untergriffe. Finanzbeamte und eine Steuerberaterin kriegen ihr Fett
ab, der Kunstbetrieb und die
Comic-Nerds, Schmalix und Attersee (vor allem Attersee), selbst die
theoriebegeisterten Leiter der Galerie der Stadt Wels, die das Buch
herausgegeben haben,
werden nicht geschont, und Mahler himself schon gar nicht.
Mit
Zitaten aus dem wirklichen Leben erweckt er sich, seine Krakelmännchen
und Turmfrisurfrauen
zu einer Geschichte der vielen Anläufe, die in Amtsstuben,
Vernissagen
oder neben Verrückten an der Bar enden, und man weiß nicht,
was
schlimmer ist. Der kongeniale Rudi Klein steuert autobiografisches
Prosagift bei, der Schweizer Comics-Magazin-Herausgeber Christian Gasser
eine Hommage.
Michael
Freund, DER STANDARD
Umschmeichelter Verräter: Mahlers "Kunsttheorie versus Frau
Goldgruber"
Warum sind die autobiografischen Arbeiten von Comicautoren oft so depressiv? Vielleicht, weil das Genre nur solche Zeichner interessiert, die abseits von Superman und Mickymaus ihre Nische suchen? Diese Nische ist bekanntlich klein, aber nicht fein, und von den spärlichen Honoraren kann keiner leben. Dass aber die autobiografischen Comics zu den interessantesten zählen, liegt am Spannungsbogen zwischen der Leidensgeschichte und der grafischen Reduktion, die den Realismus relativiert und so die Erzählung vor banalem Ernst bewahrt.
Mahler, bekennender österreichischer Witzbildchenzeichner, deformiert seine Figuren geradezu. Auf Augen verzichtet er, die Körper sind parabolspiegelhaft zugespitzt, entweder lang und dürr oder klein und fett, aus den Gesichtern ragen Pinocchio-Lügennasen heraus. Er selbst tritt als Bohnenstange mit tellergroßen Brillengläsern auf, und auch sonst scheint er im Alltag nicht auf Rosen gebettet zu sein. Denn Mahler macht Comics, und niemand, glauben wir seinen Geschichten, wirklich niemand scheint ihn zu verstehen. Na ja, abgedruckt wurden seine Strips unter anderem in der "FAZ" und dem "Standard", Bücher erschienen unter anderem in Kanada und Frankreich. Aber Mahler wurde in Österreich geboren, eine irdische Vorhölle, die es wagt, Mahler mit Förderungen und Ausstellungen zu ehren, deren Gaben er aber wie folgt kommentiert: "Fördern diese Falotten denn jeden Blödsinn?" Gemeint sind nach Auskunft des Dudens "Gauner", offenbar konserviert die Alpenrepublik nicht nur einen französisch angereicherten Wortschatz, sondern sie ist auch ein wunderbarer Nährboden für hochbegabte Miesepeter wie etwa Kraus, Jandl oder Bernhard. Zu den Besonderheiten Österreichs gehört allerdings auch ebenjene, ihre Verächter, besonders zu umschmeicheln - die Stadt Wels richtet zurzeit für Mahler eine Ausstellung aus.
"Kunsttheorie versus Frau Goldgruber" lautet der Titel der Ausstellung und des Katalogs. Frau Goldgruber ist Mahlers Finanzbeamtin und als solche natürlich an Kunst interessiert. Schließlich muss sie über die Reduktion des Steuersatzes entscheiden. Nun sehen die Figuren von Mahler den Schlümpfen und Mickymaus einfach nicht ähnlich. Können sie also Comics sein? Ihr Urteil ist eher sibyllinisch als salomonisch: "Na das wird schon irgendwie ,Kunst' sein". Irgendwie auch eine Entscheidung, aber auf Frau Goldgruber hört halt niemand. Also zetert Mahler weiter, über einen ausgeleierten Kunstdiskurs, Ausstellungskonzepte, Fans, Vernissagenbesucher, Werbeleute, Galeristen, Kulturbeamte und die eigene Lustlosigkeit, sich damit beschäftigen zu müssen. "
MARTIN ZEYN, taz
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