Kampfzone Dreiecksverhältnis

Es ist ein Dreiecksverhältnis, und aus diesem Dreiecksverhältnis baut Nicolas Mahler eine ganze Welt: ein Mann namens Flaschko, seine Heizdecke und seine Mutter, in dieser Reihenfolge der Bedeutung. Dazu kommen noch ein Stromanschluss für die Decke, ein TV-Gerät (auch meistens unter Strom), ein Fauteuil. Dann und wann die Fernbedienung. Fertig. Wer, wenn nicht Mahler (STANDARD, Falter- und anderen Lesern bekannt) kann aus einer so lakonischen Konstellation ein Comic-Universum bauen? Was der warm verpackte Muttersohn im Kampf mit seinem Gegenüber alles absondert, und was sie teils abwehrend, teils besitzergreifend aggressiv zurückgibt, hat literarisches Format- wobei wir uns den Hinweis auf Kafka ersparren wollen. In der totalen und inhaltlichen Regression wird Comic-Geschichte weitergeschrieben: ein Kunststück.

DER STANDARD






Mutter und Sohn 

In seinem Comicstrip "Flaschko - der Mann in der Heizdecke" inszeniert der Österreicher Nicolas Mahler eine Mutter-Sohn-Beziehung. Die lakonisch und minimalistisch gestalteten Situationen sind von einer abgründigen, geradezu philosophischen Komik. Ausnahmsweise verspricht der Text auf der Rückseite nicht zu viel. "Ein Mann, seine Decke und dessen Mutter. 132 Sitzmelodramen!" Genau darum geht's in Nicolas Mahlers "Flaschko - der Mann in der Heizdecke": um den erwachsenen 
Flaschko, der in seiner Heizdecke vor sich hin vegetiert und dem nichts ferner liegt als der Gedanke, die Wohnung seiner Mutter zu verlassen. Und ihr Fernsehgerät. Die Mutter wiederum unternimmt dann und wann einen zaghaften Versuch, ihren Sohn aus seiner Heizdecke zu locken, zu Lebensmut zu ermuntern. Vergeblich. - Mutter: "Alles Gute, Flaschko!" - Flaschko: "Wau, ein Verlängerungskabel." - Mutter: "Damit du etwas herumkommst in der Welt."Der Rückseitentext verspricht aber nicht genug. Er verschweigt, dass der österreichische Comiczeichner und Trickfilmer Nicolas Mahler ein derart begnadeter Humorist ist, dass er aus dieser Ménage à trois (eine Mutter, ein Sohn, ein Fernseher) 132 gute Witze schöpft. Er verwandelt ein ausserordentlich miefiges, ödes Wohnzimmer in die Bühne eines Familiendramas voll hintergründiger Spannung. Mutter und Sohn brauchen einander - Flaschko braucht die Steckdosen ihrer Wohnung für sein Heizdeckenkabel, und sie braucht ihn als Objekt ihrer Zuwendung in einem sonst leeren Leben. Diese gegenseitige Abhängigkeit nährt ihre gegenseitige Hassliebe, eine Mischung aus Sorge, Verachtung und Revolte. Ja, Revolte. Denn Flaschko kann auch mal aufbegehren. Auf die Bemerkung seiner Mutter etwa, mit Fernsehen alleine werde er wenig erreichen, erwidert er prompt: "Ich nenne es jetzt Sitzstreik."Nicolas Mahlers "Flaschko" lässt sich natürlich psychologisch deuten - das Heizdeckenkabel als die nicht gekappte Nabelschnur -, er hat durchaus auch eine gesellschaftliche Ebene - das Phänomen späten Erwachsenwerdens. In erster Linie ist "Flaschko" aber ein philosophischer Strip: Er inszeniert die Absurdität der Existenz. Mutter und Sohn sind sich der Absurdität ihrer Existenz nicht bewusst, zu tief sind sie in ihrem entsetzlich banalen Alltag verstrickt, doch ergreift sie dann und wann die leise Ahnung eines metaphysischen Vakuums. Mahler freut's, er kostet die Banalität und den unterschwelligen Schauder aus, und das ist - nicht anders als bei Samuel Beckett - ungeheuerlich komisch. - Flaschko: "Was mein Vater wohl an dir gefunden hat, Mutter?" - Mutter: "Weisst du, als ich jünger war, war ich ganz hübsch." Flaschko: "Ich spreche eigentlich von inneren Werten."Nicolas Mahler, der seinen existenzialistisch verbrämten Unsinn auch schon in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("Kratochvils Welt") verbreitete und im frankophonen Raum deutlich mehr Anerkennung findet als hierzulande, ist einer der wenigen deutschsprachigen Zeichner, die sich auf die hohe (hartnäckig unterschätzte) Kunst des Comicstrips verstehen. Er weiss, wie man aus Beschränkungen eine Tugend macht, wie man die immer gleiche Situation in drei Bildern durch- und ausspielt, ohne Wiederholung, und wie man sie dank feinen - manchmal auch erfrischend plumpen - Variationen immer wieder erneuert. Er weiss, wie man gewisse Scherze (den "Dämon Damenlikör" zum Beispiel, dem die Mutter verfällt, um dann bei den Anonymen Alkoholikern ihr Heil und einen Mann zu suchen) über mehrere Strips weiterentwickelt und ad absurdum führt.Vor allem aber beherrscht Mahler die Kunst minimalistischer Zeichnungen. Von Flaschko lässt er kaum mehr sehen als die lange Nase, die aus der Heizdecke herausragt; die Mutter ist klein, eckig, sie trägt eine auffällige Frisur. Keine Augen, kein Mund, kein Mienenspiel. In Kombination mit den lakonischen Dialogen aber drücken die Zeichnungen immer genau das aus, was sie auszudrücken haben. - Mutter: "Mein Gott, Flaschko, was soll nur aus dir werden, wenn ich einmal nicht 
mehr bin?!" - Flaschko: "Vielleicht kann ich die Heizdecke dann bei Tante Olga anstecken."

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG






Das Wissen über Gott, Sex und die Welt aus dem Fernseher geholtWer da glaubt, alle Winkel des schrägen Comic-Humors seien ausgeleuchtet, kennt Nicolas Mahlers "Flaschko" nicht. Gleich auf der zweiten Seite des Buches werden wir unter der Überschrift "Das Flaschko-Universum" sowohl über die involvierten Personen als auch über das Inventar aufgeklärt. Flaschkos Welt ist klein. Flaschko steckt tagein und tagaus bis zum Hals in einer Heizdecke, seine einzige Bezugsperson ist seine Mutter, sein einziger Bezugsgegenstand die Glotze. Gezeichnet ist das alles denkbar simpel, Flaschkos Hals und Kopf gucken wie eine rechtwinklig gebogene Baguette aus dem Heizsack, die beleibte Mama ähnelt einer Mischung aus Einkaufswagen und bauchigem Wasserkocher.Und dann diese Geschichten! Sein Wissen über Gott, Sex und die Welt bezieht Flaschko praktisch ausschliesslich aus dem Fernseher, Kontakt mit dem realen Leben kriegt er nur über seine Mutter. Aus Alltäglichem wird Monströs-Absurdes. Ein Beispiel: Die Mutter putzt. "Beine hoch, Flaschko! Ich komme nicht unter die Couch." Flaschko: "Aaah, ich zieh mir ja noch Schrammen zu." Mutter: "Blödsinn, ich berühr dich ja nicht mal." Flaschko: "Ich meine ja auch innere Schrammen." Es geht aber auch noch lapidarer und kürzer, in einem einzigen Bild. Flaschko steckt in seiner Decke, unter der "Knp Knip Knip" steht. Die Mutter beobachtet den Sohn: "Er schneidet sich die Zehennägel!!! Vielleicht wird alles gut."Kein Wunder, dass Mama Quartalssäuferin geworden ist und ihren Likörkonsum bei Flaschko damit rechtfertigt, dass das gemeinsame Leben eben nur so auszuhalten sei. Der Protest des Sohnes: "Unser Leben? Dein Leben meinst du wohl. Ich hab ja gar keins."Sinn und Unsinn des DaseinsDer so irrwitzig über Sinn und Unsinn des Daseins sinniert, ist heute Österreichs international renommiertester Comic-Zeichner. Nicolas Mahler gehört zu den grossen Originalen unter den Slapstick-Comic-Zeichnern. "Lone Racer" und "Kratochvils Welt" reihen sich stimmig neben Flaschko ein, Ersterer ist Ex-Formel-1-Champion, der ein letztes Rennen gewinnt, da die gesamte Konkurrenz ausgefallen ist, Letzterer ein Normalbürger, der unfreiwillig auf Abwege gerät. Die völlig eigene und eigensinnige Weltsicht eines Wieners. 

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